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Ein Gespräch mit Regisseur Michael Bully Herbig

Welche Bedeutung hatte Wickie für dich als Kind?

Es gab in meiner Kindheit nur eine Serie, die man definitiv sehen musste: "Wickie und die starken Männer". Die lief donnerstags um 17.10 Uhr im ZDF. Wer eine Folge verpasste, hatte eine Woche lang keinen Gesprächsstoff. Es gab ja keinen Videorekorder.

War die Serie ein früher Medienevent?

Absolut. Einmal holte mich meine Mutter zu spät von der Grundschule ab. Als ich nach Hause kam, lief bereits der Abspann. Ich glaube, dass war einer der schlimmsten Momente meiner Kindheit. Ich musste mir also von den anderen in der Schule erzählen lassen, was in der Folge passiert war. Was für eine Demütigung!

Gab es ein typisches Ritual, wie du "Wickie und die starken Männer" geschaut hast?

Wir hatten einen weißen Flokati-Teppich unter unserem Fernsehtisch. Meistens lag ich auf dem Bauch auf diesem Teppich. Über mir war der Tisch. Wenn ich Glück hatte, kam unsere Nachbarin vorbei. Ich war 6, sie war 5. Ich möchte nicht sagen, dass es eine Affäre war. Aber es prickelte ein wenig. Sie war meine Ylvi.

Was war der kleinste gemeinsame Nenner zwischen dem Wikingerjungen Wickie und dem Münchner Kindl Bully?

Ich habe Wickie bewundert. Er war eine Identifikationsfigur. Ich konnte nachvollziehen, dass er vor Wölfen wegläuft und vor dem Schrecklichen Sven Schiss hat. Das einzige, was ich nicht hatte, waren diese Wahnsinnseinfälle. Ich glaube, eine ganze Generation hat ihn für seine Ideen bewundert. 

Gab es in deiner Kindheit schon Anzeichen dafür, dass du "Wickie und die starken Männer" fürs Kino verfilmen wirst?

Ich wäre vor Aufregung mit Herzrasen in Ohnmacht gefallen, wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich später mal einen Wickie-Film drehe. Als Sechsjähriger hat man ja in der Regel noch nicht so viel Ahnung vom Filmemachen. Letztendlich war es dann auch nicht meine Idee, aus der Zeichentrickserie einen Film zu machen. Obwohl es eigentlich auf der Hand lag. 

Wer brachte den Stein ins Rollen?

Der Produzent Christian Becker. Er erzählte mir, dass er die Rechte an "Wickie und die starken Männer" gekauft hat. Da sind meine Ohren blitzartig hochgeschossen. Ich hatte sofort Bilder im Kopf, die in diesen Film reingehören.  

Wie wurde aus diesen Bildern ein Film?

Mein Co-Autor Alfons Biedermann und ich haben uns die ganze Serie auf DVD angeschaut. Ich war selbst überrascht, wie genau ich mich noch an alle Einzelheiten erinnern konnte, aber plötzlich alles mit anderen Augen sah. Mit den Augen von heute. Ich habe bewusst versucht, viele Szenen mit den Augen eines Kindes zu sehen oder zu drehen. Früher war "Wickie und die starken Männer" für mich auch immer spannend. Ich wollte auf keinen Fall einen "Weichei-Wickie" drehen, sondern einen gestandenen Abenteuerfilm. 

Habt ihr euch auch von der Romanvorlage inspirieren lassen?

Ich schäme mich ja fast dafür, aber ich habe die Bücher nie gelesen. Obwohl Christian Becker sie mir alle geschickt hat. Ich war der Meinung, dass die Leute seit über 30 Jahren "Wickie und die starken Männer" allein mit der Zeichentrickserie verbinden. Diese visuelle Erwartung wollte und musste ich bedienen. Es war meine größte Sorge, dass ich die Wickie-Fans enttäuschen könnte. Deshalb habe ich mich ganz klar an der Zeichentrickserie orientiert. 

Habt ihr andere Wickie-Experten zu Rate gezogen?

Als das Drehbuch fertig war, erzählte mir Alfons, dass er sich mit seinen Neffen unterhalten habe. Beide hätten sofort gesagt: „Hey, aber die Seelöwen sind hoffentlich auch dabei!“ Leider fehlten die, also haben wir sie sofort ins Drehbuch geschrieben. Ich will nicht, dass später eine Horde Kids vor mir steht und protestiert: "Wo sind die Seelöwen?" Die hießen übrigens im Original schon Bulli und Balli. 

Welche anderen Elemente der Zeichentrickserie mussten unbedingt in den Kinofilm?

Ich wollte einen realistischen Abenteuerfilm machen, aber alle Elemente übernehmen, die den Charme der Zeichentrickserie ausmachen. Die echten Wikinger hatten zwar keine Hörner an ihren Helmen, aber für mich war von Anfang an klar, dass wir die Helme und Kostüme eins zu eins aus der Zeichentrickserie übernehmen. Jedoch realistisch und glaubhaft. Unsere Helme sind patiniert. Sie sehen getragen, gebraucht und verbeult aus. 

Hält sich historische Genauigkeit der Wikinger-Schiffe auch in Grenzen?

Als mir der Szenenbildner Matthias Müsse die ersten Zeichnungen für die Schiffe zeigte, waren die historisch sehr korrekt. Aber ich wollte auch die Silhouette der Schiffe genau so bedienen, wie man sie aus der Serie kennt. Mit Drachenkopf und allem drum und dran. Unser Schiff war wesentlich größer als ein echtes Wikingerschiff von früher. Das war ein weiteres Zugeständnis an die Zeichentrickserie.  

Welche inhaltlichen Änderungen habt ihr gegenüber der Serie vorgenommen?

Eigentlich ist "Wickie und die starken Männer" eine Vater-Sohn-Geschichte. Diese Beziehung war mir von Anfang an wichtig. Die Zeichentrickserie behandelt das sehr spielerisch. Da gibt es den etwas einfach gestrickten Vater und den schlauen Sohn. Um es mal so zu formulieren: Ich wollte dieser Beziehung etwas mehr Tiefe verleihen. 

Warst du von vornherein optimistisch, dass ihr den perfekten Wickie-Darsteller findet?

Da spielt Glück eine große Rolle. Man braucht viel Geduld und Ausdauer. Natürlich konnte ich mir nicht alle 600 Kinder selbst anschauen. Professionelle Kindercaster haben die Vorauswahl getroffen. Die habe ich mir dann auf DVD angesehen. Mit manchen Kindern habe ich mich bis zu fünf Mal getroffen. Ich wollte nicht riskieren, dass ein Kind vielleicht am ersten Tag schlecht drauf war, aber eigentlich perfekt für die Rolle gewesen wäre. 

Wie verlief das erste Treffen mit Jonas Hämmerle?

Als Jonas den Castingraum betrat, war ich gerade abgelenkt und sah ihn nur aus dem Augenwinkel. Dann sagte er etwas, und in dem Moment hat es mich echt gerissen. Ich mochte schon früher die Stimme vom Wickie aus der Zeichentrickserie wahnsinnig gern. Die war wahnsinnig sympathisch, die war flott, die hat zu diesem kleinen Charakter gepasst. Auch Jonas hat eine ganz eigene und charakteristische Stimme. Ich dachte: Wenn er jetzt noch spielen kann, dann isser's. 

Deine Hoffnungen wurden nicht enttäuscht.

Jonas ist ein echter Glücksfall. Das Witzige ist, dass ausgerechnet er in seiner Familie der Einzige ist, der nicht so ambitioniert die Schauspielerei verfolgt. Seine Geschwister sind viel engagierter. Er ist einfach mal so zum Casting mitgekommen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er mit einer gesunden Portion Lockerheit und Spielfreude an die Sache rangeht. Er hat Spaß. Das ist ein schlaues Kerlchen. Er hat Humor. Es war auch von Vorteil, dass er nicht sieben Jahre alt war, als wir gedreht haben, sondern schon neun. Er sieht glücklicherweise jünger aus. 

Welche Tests mussten die Kinder beim Casting bestehen?

Als in der Endrunde nur noch vier oder fünf Jungs für die Wickie-Rolle in Frage kamen, habe ich sie mit Günther Kaufmann konfrontiert. Da fielen einige durchs Raster. Obwohl ich vorher ausdrücklich gesagt habe: "Der wird jetzt ein bisschen laut, aber das gehört zum Spielen dazu". Da merkte man genau, welches Kind gezuckt und leicht irritiert reagiert hat. 30 Drehtage wären für einige der Kinder vielleicht ein bisschen zu viel geworden. 

"Die starken Männer" hast du mit Hilfe einer Castingshow auf ProSieben gefunden. Hattest du kein Vertrauen zu den regulären Castingfirmen?

Ich wollte schon allein durch die Besetzung signalisieren: Das ist keine Parodie! Natürlich hätten wir tolle prominente Kollegen besetzen können, die man in so einem Film vielleicht auch erwartet. Komiker oder Schauspieler mit komödiantischem Talent. Aber auch in dieser Hinsicht war mir die Zeichentrickserie wichtiger. Ich wollte Figuren finden, die haargenau auf die Vorlage passen, und keine prominenten Schauspieler, deren bekannte Gesichter womöglich von den Figuren ablenken. 

Wie konnte die Fernsehshow bei der Suche helfen?

Ich konnte Leute erreichen, die ich vielleicht niemals in Schauspielerkarteien oder auf der Straße gefunden hätte. Finde mal jemanden wie den Faxe. Jörg Moukkadam ist Ingenieur. Der stand in keiner Schauspielerkartei. Schauspieler mit diesem schwergewichtigen Kaliber gibt es nicht viele in Deutschland. Und wenn, dann sind sie bekannt. 

Und um mit dem Film den asiatischen Markt zu erobern, habt ihr die Rolle der Chinesin Lee Fu erfunden?

In der Zeichentrickserie gab es eine angerissene Liebesgeschichte von Faxe. Er hat als Einziger keine Frau oder Freundin. Deshalb fand ich es ganz süß, wenn wir ihm einen starken emotionalen Moment gönnen. Ich hatte den Wunsch nach etwas Exotischem. Und was liegt am weitesten weg von den Wikingern? Eine Asiatin. Sowas haben sie noch nie gesehen. Schön und geheimnisvoll! Deshalb kann man auch nachvollziehen, dass die starken Männer vor lauter Faszination alles um sich herum vergessen. 

Wieso habt ihr das Wikingerdorf Flake am Walchensee in Bayern aufgebaut?

Wir haben im Vorfeld alles abgesucht. Von Lettland über Irland und England bis nach Nordspanien und zur Ostsee. Es gab sogar mal den Gedanken, eventuell nach Neuseeland oder Kanada zu gehen. Überall waren Location Scouts, haben Fotos und Videos gemacht. Zunächst wollte ich in Schottland drehen. Die Landschaft ist faszinierend. "Braveheart" ist dort gedreht worden und "Rob Roy". Es hat sich aber herausgestellt, dass die Region mit einem großen Team schwer erreichbar ist und dass die Drehgenehmigungen für das Privatland schwer zu bekommen sind.

Aus der Not heraus begann die Suche in Bayern?

Irgendwann haben wir beschlossen, noch mal ganz frisch an die Sache ranzugehen. Was gibt es in der Nähe? Wir haben die Seen in Bayern abgegrast und sind am Walchensee gelandet. Das war ein absoluter Glücksfall. So, wie wir die Ankunft der Wikinger auf dem Walchensee gedreht haben, hätten wir es in Schottland gar nicht machen können. Die See in Schottland ist zu dieser Jahreszeit dafür viel zu rau!   

Wusstest du, dass Hollywood am Walchensee auch schon Wikinger-Filme gedreht hatte?

Nein. Ich hatte mich nur wegen der Optik für diese Stelle entschieden. Dann sagte der Besitzer des Grundstücks zu unserem Location Scout: "Ah, seid’s schon wieder do? Der Amerikaner war vor fünfzig Jahren auch schon hier!" Die haben da eine ganze Serie gedreht. Angeblich auch einen Film mit Kirk Douglas. Das Lustige war, dass es dieselbe Ecke war und derselbe Besitzer, ein Bauer. So wurden unsere Dreharbeiten ein halbes Jahrhundert später wieder ein Spektakel für die Leute am Walchensee.

Im September 2008 gab es eine Pressemeldung, dass der Film schon ein Jahr vor der Premiere 10.000 Zuschauer hatte.

Wir haben untertrieben. Wir dachten, das glaubt uns kein Mensch, wenn wir 20.000 reinschreiben. An der Absperrung vor unserem Drehort standen jeden Abend zwischen 400 und 800 Leute. Da gab es regelrechte Völkerwanderungen. Ein echtes Happening! Die kamen mit ihren Kinderwägen und haben einen Ausflug nach Flake gemacht. Das war unglaublich!

War es eine besondere Herausforderung, mit Schiffen zu arbeiten?

Es heißt ja immer, ein Dreh mit Tieren, mit Kindern oder auf dem Wasser, sei kompliziert. Wir haben bei diesem Film nichts ausgelassen! Weil das mein erster Dreh auf dem Wasser war, bin ich heilfroh, dass wir viele Szenen in einem Wasserbecken auf Malta gedreht haben. So hat man eine bessere Kontrolle. Der große Vorteil ist, dass du die Wellen im Griff hast. Du kannst sie so stark oder schwach einstellen, wie du sie brauchst. Du kannst auch Wind und Nebel erzeugen.

Gibt es auch Nachteile?

Der Nachteil ist, dass man immer nur in eine Richtung drehen kann. Beim Wasserbecken hast du den Blick aufs Meer hinaus, aber links, rechts und hinter dir ist Land. Jetzt hast du aber auf diesem Schiff Leute stehen, die sich unterhalten. Um diese Unterhaltung filmen zu können, musst du das Schiff um 180 Grad drehen, was bis zu 20 Minuten dauern kann. Das war für alle Beteiligten öfter mal schwierig und sehr zäh.

Wie viel moderne Computertechnik braucht ein Film über einen Wikingerjungen?

Um den Film so machen zu können, wie ich ihn mir vorgestellt habe, war sehr viel digitale Technik nötig. Das Problem ist ja, dass du heute kaum noch irgendwo drehen kannst, ohne eine Stromleitung oder einen Dampfer am Horizont zu haben. 80 Prozent aller Einstellungen in diesem Film mussten bearbeitet werden. Angefangen von einer kleinen Retusche bis hin zu digitalen Schiffen. Das war ein Riesenbrocken. 

Kannst du bei der Arbeit an einem solch großen Projekt noch improvisieren?

Filmemachen besteht auch immer aus Improvisation. Das Wetter schlägt um, ein Drehort bricht weg, du musst vor Ort vielleicht Texte ändern. Ich mache das gern. In 90 Prozent der Fälle kommt sogar was Besseres dabei raus. Ich wundere mich selbst manchmal, dass man sich über Wochen und Monate Gedanken darüber macht, wie man eine Szene dreht. Und wenn der Drehtag kommt, machst du alles ganz anders und entscheidest aus dem Bauch heraus. 

Wie groß ist dein Erfolgsdruck bei "Wickie und die starken Männer"?

Spätestens nach "Der Schuh des Manitu" habe ich beschlossen, mich nicht mehr verrückt zu machen. Noch einmal 11,7 Millionen Zuschauer erreichen zu wollen, wäre vermessen. Dass "(T)Raumschiff Surprise -Periode 1" noch mal über neun Millionen Zuschauer hatte, war ebenfalls Wahnsinn. Danach gehst du immer zurück auf null, versuchst den bestmöglichen Film zu machen und hoffst, dass er den Leuten gefällt.